Wissen

Zusammenstoß in der Luft: Völlig unbemerkt

Im Dezember 2012 sterben acht Menschen bei der Kollision zweier Flugzeuge. Die umfangreiche Analyse der Unfalluntersucher zeigt, wie schnell das Sichtflug-Prinzip an seine Grenzen stößt.

Von Thomas Borchert
Zusammenstoß in der Luft
Kurz vor dem Crash In der BFU-Simulation wird deutlich, wie schwer die DR 400 aus der Piper zu erkennen gewesen sein muss – gegen die Sonne und vor erhöhtem Gelände. Grafik: Bundesstelle für Unfalluntersuchung

Der 8. Dezember 2012 ist ein klarer Wintertag. Fünf Zentimeter Schnee bedecken den Boden nordwestlich von Frankfurt, die Sonne steht um 16 Uhr schon tief am Horizont. Zwei Flugzeuge kehren zu ihren Heimatplätzen zurück: Eine Piper PA-32-301 Saratoga mit fünf Personen an Bord will nach Aschaffenburg; eine mit drei Personen besetzte Robin DR 400-180 steuert Reichelsheim an.

Um 16.03.28 Uhr hat die Robin eine Rechtskurve beendet und sich zum Anflug positioniert; die Saratoga fliegt noch geradeaus. Beide Maschinen sind in 3500 Fuß MSL unterwegs – und nur noch 1,02 Nautische Meilen voneinander entfernt! In einem Winkel von 40 Grad nähern sich die Flugzeuge mit einer Relativgeschwindigkeit von 90 Knoten – offenbar unbemerkt, denn auf Ausweichmanöver lassen sich später keine Hinweise finden. 

Flugzeugabsturz am 8. Dezember 2012: Zwei Maschinen stoßen unbemerkt zusammen

Um 16.03.40 Uhr meldet sich die Robin bei Reichelsheim Info zur Landung an, doch dazu kommt es nicht: Südlich der Ortschaft Melbach kollidieren die Flugzeuge um 16.04.07 Uhr. Sie stürzen unmittelbar zu Boden, keiner der acht Insassen überlebt. 

Fast parallel: Nach dem Eindrehen der Robin auf Reichelsheim nähern sich die Maschinen mit 40 Grad Kursdifferenz.

Die Experten der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) können keinerlei Hinweise auf technische Mängel feststellen. Die Piloten hatten die erforderlichen Berechtigungen; auf den rechten Vordersitzen saßen in beiden Maschinen Personen mit fliegerischen Kenntnissen, die die Flugzeugführer potenziell hätten untersützen können. In der DR 400 hatte dieser Passagier den Funk übernommen.

Zwar stellt die BFU fest, dass der Piper-Pilot aufgrund einer insulinpflichtigen Diabetes-Erkrankung eigentlich kein Tauglichkeitszeugnis hätte haben dürfen. Sie sieht die Erkrankung jedoch nicht als beitragenden Faktor an.

LESEN SIE AUCH
Wissen

Absturz durch Wirbelschleppen: Rundflug mit Robin DR400/180 R endet mit einem Absturz

Still stehende Objekte sind schwerer zu erkennen als sich bewegende

So gibt die BFU eine Computersimulation der Unfallflüge sowie ein aufwändiges Gutachten zur Wirksamkeit des VFR-Konzepts »Sehen und ausweichen« in Auftrag. Die Ergebnisse sind ernüchternd.

Die Analysen zeigen gleich mehrere Faktoren, die im konkreten Fall eine Erkennung des anderen Flugzeugs erheblich erschwert haben. So näherten sich die Piloten im Horizontalflug mit relativ geringem Kursunterschied – das andere Flugzeug befand sich also jeweils im seitlichen Sichtbereich der vor allem nach vorne schauenden Piloten. Außerdem ergab sich eine sogenannte stehende Peilung: Das jeweils andere Flugzeug war bis zum Crash immer im gleichen Winkel zu sehen, es schien keine Relativbewegung zu geben. Still stehende Objekte sind aber viel schwerer wahrzunehmen als sich bewegende. 

Keines der Flugzeuge stand mit dem Fluginformationsdienst FIS in Kontakt

Hinter beiden Maschinen befand sich zudem aus Sicht der jeweils anderen Besatzung erhöhtes Gelände – ein Hintergrund, vor dem Flugzeuge schwerer zu erkennen sind als vor klarem Himmel. Aus Sicht der Piper-Crew flog die Robin auch noch genau vor der tiefstehenden Sonne. Das schneebedeckte Gelände verstärkte die Blendwirkung womöglich noch. 

Hohe Energie: Die Wracks der beiden Flugzeuge liegen etwa 600 Meter voneinander entfernt.

Auch wenn die Kollision im Luftraum E stattfand, in dem VFR-Verkehr nicht gestaffelt wird, erwähnen die Unfalluntersucher dennoch, dass keines der Flugzeuge mit dem Fluginformationsdienst FIS in Kontakt stand. Von dort hätte es womöglich einen Verkehrshinweis gegeben – auch wenn es dafür keine Garantie gibt.

Verringerung der Kollisionsgefahr bei VFR-Flügen nur mit technischen Mitteln möglich

Gutachter stellten die Situation mit Probanden im Simulator nach, allerdings ohne Einschränkungen der Erkennbarkeit durch Strukturteile des Flugzeugs, Sonnenstand, Gelände oder Blendung. Selbst dann ergab sich im Mittel eine Entdeckung des Konfliktverkehrs nur 9,2 Sekunden vor dem Zusammenstoß. Das Konzept des »Sehen und Gesehen werden« stoße an seine Grenzen, werten die Gutachter abschließend. 

Zu diesem Schluss kommt auch die BFU. Eine Verringerung der Kollisionsgefahr bei VFR-Flügen sei letztlich nur mit technischen Mitteln erreichbar – durch die Nutzung von Kollisionswarnern eines einheitlichen technischen Standards. 

LESEN SIE AUCH
Kollisionsgefahr
Wissen

10 Tipps zur Kollisionsvermeidung: FLARM, ADS-B & mehr

Das dauerhafte Einschalten aller Lampen ist zu empfehlen

Zwei weitere Aspekte des Unfalls sind bemerkenswert. Zum einen fand die BFU in einem der Flugzeuge sämtliche Beleuchtungsschalter in der Stellung »Aus« – auch die der Strobes. Vielleicht ist hier ein Umdenken der Piloten erforderlich: Wenn es die elektrische Anlage verträgt, könnte das dauerhafte Einschalten aller Lampen bei der Erkennbarkeit helfen – eine durchgebrannte Glühbirne ist »billig« im Vergleich zu einer Kollision.

Zum anderen: Wie schon öfter fand auch dieser Zusammenstoß nicht im häufig diskutierten Szenario statt, bei dem zwei Flugzeuge frontal und schnell aufeinander zukommen. Offenbar sind langsame Relativgeschwindigkeit und spitze Winkel viel gefährlicher.

Grafiken: Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung BFU

Über den Autor
Thomas Borchert

Thomas Borchert begann 1983 in Uetersen mit dem Segelfliegen. Es folgte eine Motorsegler-Lizenz und schließlich die PPL in den USA, die dann in Deutschland umgeschrieben wurde. 2006 kam die Instrumentenflugberechtigung hinzu. Der 1962 geborene Diplom-Physiker kam Anfang 2009 vom stern zum fliegermagazin. Er fliegt derzeit vor allem Chartermaschinen vom Typ Cirrus SR22T, am liebsten auf längeren Reisen und gerne auch in den USA.

Schlagwörter
  • Flugzeugabsturz
  • Cessna
  • Sichtflug
  • Sichtflugregeln
  • FLARM
  • Kollisionswarngerät