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Kitplane-Reportage: Spitfire MJ-10

Okay, die Schweiz gehört nicht zu den großen Ländern in Europa. Und auch die dortige Warbirdszene ist alles in allem überschaubar. Doch Größe ist nicht alles. Ein Motto, das durchaus für Stéphane und Walter Haugs Spitfire-Replikat gelten könnte: Klein, aber fein!

Von Redaktion
Okay, die Schweiz gehört nicht zu den großen Ländern in Europa. Und auch die dortige Warbirdszene ist alles in allem überschaubar. Doch Größe ist nicht alles. Ein Motto, das durchaus für Stéphane und Walter Haugs Spitfire-Replikat gelten könnte: Klein, aber fein!

Gepflegte, weitläufige Rasenflächen inmitten einer idyllischen Parklandschaft. Darin, fast ein wenig deplaziert, als hätten sie das "Betreten verboten"-Schild missachtet, in Reih und Glied sauber ausgerichtet Jagdflugzeuge. Neben den schmutzig-grün-braunen Kolbeneinmots, auf deren Rümpfen überdimensionierte blau-rot-weiße Kokarden prangen, stehen drahtige junge Männer in klobigen Flieger-Pelzstiefeln und weißen Rollkragenpullovern. Den Blick nachdenklich in den Himmel gerichtet, nippen sie an einer Tasse Tee. Gefechtspause im Jahr 1940, Luftschlacht um England. Die Erinnerung an diese Zeit ist unzertrennlich mit einem Flugzeug verbunden: der Supermarine Spitfire. Und wenn es eine Maschine schafft, jenes Stimmungsbild aus den frühen vierziger Jahren in den Köpfen der Menschen wieder auferstehen zu lassen, dann ist es dieser legendäre Jäger.

Während der Anblick Balkenkreuzverzierter Luftwaffenoldis ungefragt Political Correctness anmahnt und man sich verstohlen umsieht, weil sich so etwas wie Faszination breit macht, darf man bei dem englischen Jäger seiner Warbirdleidenschaft ungehemmt frönen. Die Spitfire gehört zu den Good Guys unter den Weltkriegsveteranen. Der edle Wagenburg-Verteidiger umringt von bösen Messerschmitt-Indianern. Dieses Flugzeug hat mitgeholfen, den Ansturm der "Krauts" gegen die Insel abzuschmettern. Wenn es ein fliegendes Symbol für die unbeugsame Haltung der Briten während des Zweiten Weltkriegs gibt, dann ist es die Spitfire. Für Warbirdfans also eine hochinfektiöse Angelegenheit, bei der zwei Schweizer Enthusiasten sogar den letzten Rest neutraler Immunität aufgaben. Sie bauten sich den legendären Jäger kurzerhand nach.

Faszination ohne Nachgeschmack: Die Spitfire ist der Good Guy unter den Weltkriegsveteranen

Vater Walter Haug und Sohn Stéphane griffen dabei auf Pläne des renommierten Konstrukteurs Marcel Jurca zurück. Der inzwischen verstorbene Franzose ist für eine Reihe von Entwürfen bekannt. Darunter finden sich Eigenkreationen wie die MJ-2 Tempete und MJ-5 Sirocco. Auch für Replikate von Flugzeugen des Zweiten Weltkriegs hat Jurca Pläne gezeichnet: MJ- 77 Mustang, MJ-8 Fw 190, MJ-9 Me 109 und eben die MJ-10 Spitfire. Letztere entspricht dem Maßstab drei zu vier, die MJ- 100 eins zu eins. Die Pläne wurden von der Ingenieursschule für Aeronautik in Paris (ESTACA) durchgerechnet. Stéphane und Walter Haug sind schon seit Jahren von der Fliegerei besessen. Der Vater arbeitet gerne mit Holz, während sich sein Sohn lieber mit der Anfertigung von Faserverbund-Teilen wie beispielsweise den Flügel-Rumpf-Übergängen und der Motorhaube sowie dem Antrieb (Motorträger und Triebwerk) beschäftigt.

Um alles ab Firewall forward muss sich der Erbauer kümmern. Wo wir gerade beim Motor sind: Unter der Cowling sorgt ein von Michel Devaud (aus Mécanair in Ecuvillens) eigens für den Flugbetrieb modifizierter 330 PS- Chevrolet V8 SB-Motor dafür, dass das Spitfire-Replikat soundmäßig nicht als Rasenmäher daherkommt. Der 6,7-Liter-Chevy überträgt seine Leistung über ein Untersetzungsgetriebe von 2,55:1 auf einen verstellbaren MT-Dreiblatt-Propeller mit 2,4 Meter Durchmesser. Die Einstellarbeiten des Getriebes erforderten zwei volle Jahre. Der Motor-Träger wurde von Sosthène Berger, einem Ingenieur aus La Neuveville, konstruiert. Beim Zellenbau profitierten die Haugs von umfangreichen Kenntnissen des späteren Testpiloten Daniel Koblet im Bau von Oldtimern sowie deren Restaurierung bei der Mobile Air Service in Bex. Ungefähr 10 000 Arbeitsstunden in zwölf Jahren haben Vater und Sohn dem Projekt gewidmet.

Die Bauphasen wurden von Beginn an direkt vom Bundesamt für Zivilluftfahrt überwacht. Ab Herbst 1999 übernahm der Verband der Schweizer Amateur-Flugzeugbauer Réseau du sport de l’air Suisse – später umbenannt in Experimental Aviation of Switzerland – diese Aufgabe. Daniel Koblet war schließlich der Mann, dem man die Maschine zur Flugerprobung anvertraute. An einem Lama-Hubschrauber hängend wurde die Maschine am 16. Juli 2004 nach Sion "überflogen". Dort absolvierte der Nachbau seine ersten "Gehversuche". Bereits drei Tage später startete Koblet zum Erstflug. Fazit des fünfzehnminütigen Trips: "Hervorragende Flugeigenschaften". Wegen abnormal hoher Motortemperaturen musste zwar der Lufteinlass für den Ölkühler geändert werden. Doch schon am 22. Juli folgten zwei weitere Testflüge mit eineinhalb Stunden Dauer. Am selben Nachmittag flog das Replikat von Sion nach Bex-Les Placettes.

Was jetzt noch am Flugzeug geändert werden musste, waren nur einige technische Kleinigkeiten. Stéphane Haug besitzt seit mehreren Jahren eine Pilotenlizenz. Doch das schmale Fahrwerk der Spitfire setzt spezielles Training voraus. Das holte sich der Junior-Erbauer auf dem hinteren Sitz einer Zlin Z-326 Trener, ein Tandemsitzer mit Spornrad. "Das einsitzige, enge Cockpit, die lange Cowling – unter der immerhin 330 PS donnern –, die beim Start und unmittelbar vor dem Aufsetzen die Sicht nach vorn sehr einschränkt, das ist schon was Ungewohntes", so Haug über die MJ-10. Also ein Wechsel vom gemütlichen Kutschengaul zum rassigen Rennpferd? Oder wie muss man sich das Verhalten der Spitfire vorstellen? "Das optimale Verhältnis von Gewicht zu Leistung ergibt sehr gute Flugeigenschaften, sodass das Fliegen mit dem Spitfire-Replikat vage mit dem einer SIPA 903 oder Mooney vergleichbar ist", erklärt der 39-Jährige.

Eine Engländerin, gezeichnet in Frankreich, angetrieben von einem Ami und gebaut in der Schweiz

Jedenfalls sorgt die frappierende Ähnlichkeit in den Formen und Proportionen mit einer Spitfire Mk V in Originalgröße regelmäßig für Verwirrung bei Betrachtern. Wer ein Merlin- oder Griffon-bestücktes Original vor sich wähnt und sich vorsichtshalber die Ohren zuhält, kann sich über das trommelfellschonende Replikat freuen. Und dass die Dimensionierung abweicht – das darf man in der kleinen Schweiz nun wirklich nicht so eng sehen.

Text: Joe Rimensberger/Markus Wunderlich; Fotos: Joe Rimensberger; fliegermagazin 10/2005


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Gepflegte, weitläufige Rasenflächen inmitten einer idyllischen Parklandschaft. Darin, fast ein wenig deplaziert, als hätten sie das „Betreten verboten“-Schild missachtet, in Reih und Glied sauber ausgerichtet Jagdflugzeuge. Neben den schmutzig-grün-braunen Kolbeneinmots, auf deren Rümpfen überdimensionierte blau-rot-weiße Kokarden prangen, stehen drahtige junge Männer in klobigen Flieger-Pelzstiefeln und weißen Rollkragenpullovern. Den Blick nachdenklich in den Himmel gerichtet, nippen sie an einer Tasse Tee. Gefechtspause im Jahr 1940, Luftschlacht um England. Die Erinnerung an diese Zeit ist unzertrennlich mit einem Flugzeug verbunden: der Supermarine Spitfire. Und wenn es eine Maschine schafft, jenes Stimmungsbild aus den frühen vierziger Jahren in den Köpfen der Menschen wieder auferstehen zu lassen, dann ist es dieser legendäre Jäger.

Während der Anblick Balkenkreuzverzierter Luftwaffenoldis ungefragt Political Correctness anmahnt und man sich verstohlen umsieht, weil sich so etwas wie Faszination breit macht, darf man bei dem englischen Jäger seiner Warbirdleidenschaft ungehemmt frönen. Die Spitfire gehört zu den Good Guys unter den Weltkriegsveteranen. Der edle Wagenburg-Verteidiger umringt von bösen Messerschmitt-Indianern. Dieses Flugzeug hat mitgeholfen, den Ansturm der „Krauts“ gegen die Insel abzuschmettern. Wenn es ein fliegendes Symbol für die unbeugsame Haltung der Briten während des Zweiten Weltkriegs gibt, dann ist es die Spitfire. Für Warbirdfans also eine hochinfektiöse Angelegenheit, bei der zwei Schweizer Enthusiasten sogar den letzten Rest neutraler Immunität aufgaben. Sie bauten sich den legendären Jäger kurzerhand nach.

Faszination ohne Nachgeschmack: Die Spitfire ist der Good Guy unter den Weltkriegsveteranen

Vater Walter Haug und Sohn Stéphane griffen dabei auf Pläne des renommierten Konstrukteurs Marcel Jurca zurück. Der inzwischen verstorbene Franzose ist für eine Reihe von Entwürfen bekannt. Darunter finden sich Eigenkreationen wie die MJ-2 Tempete und MJ-5 Sirocco. Auch für Replikate von Flugzeugen des Zweiten Weltkriegs hat Jurca Pläne gezeichnet: MJ- 77 Mustang, MJ-8 Fw 190, MJ-9 Me 109 und eben die MJ-10 Spitfire. Letztere entspricht dem Maßstab drei zu vier, die MJ- 100 eins zu eins. Die Pläne wurden von der Ingenieursschule für Aeronautik in Paris (ESTACA) durchgerechnet. Stéphane und Walter Haug sind schon seit Jahren von der Fliegerei besessen. Der Vater arbeitet gerne mit Holz, während sich sein Sohn lieber mit der Anfertigung von Faserverbund-Teilen wie beispielsweise den Flügel-Rumpf-Übergängen und der Motorhaube sowie dem Antrieb (Motorträger und Triebwerk) beschäftigt.

Um alles ab Firewall forward muss sich der Erbauer kümmern. Wo wir gerade beim Motor sind: Unter der Cowling sorgt ein von Michel Devaud (aus Mécanair in Ecuvillens) eigens für den Flugbetrieb modifizierter 330 PS- Chevrolet V8 SB-Motor dafür, dass das Spitfire-Replikat soundmäßig nicht als Rasenmäher daherkommt. Der 6,7-Liter-Chevy überträgt seine Leistung über ein Untersetzungsgetriebe von 2,55:1 auf einen verstellbaren MT-Dreiblatt-Propeller mit 2,4 Meter Durchmesser. Die Einstellarbeiten des Getriebes erforderten zwei volle Jahre. Der Motor-Träger wurde von Sosthène Berger, einem Ingenieur aus La Neuveville, konstruiert. Beim Zellenbau profitierten die Haugs von umfangreichen Kenntnissen des späteren Testpiloten Daniel Koblet im Bau von Oldtimern sowie deren Restaurierung bei der Mobile Air Service in Bex. Ungefähr 10 000 Arbeitsstunden in zwölf Jahren haben Vater und Sohn dem Projekt gewidmet.

Die Bauphasen wurden von Beginn an direkt vom Bundesamt für Zivilluftfahrt überwacht. Ab Herbst 1999 übernahm der Verband der Schweizer Amateur-Flugzeugbauer Réseau du sport de l’air Suisse – später umbenannt in Experimental Aviation of Switzerland – diese Aufgabe. Daniel Koblet war schließlich der Mann, dem man die Maschine zur Flugerprobung anvertraute. An einem Lama-Hubschrauber hängend wurde die Maschine am 16. Juli 2004 nach Sion „überflogen“. Dort absolvierte der Nachbau seine ersten „Gehversuche“. Bereits drei Tage später startete Koblet zum Erstflug. Fazit des fünfzehnminütigen Trips: „Hervorragende Flugeigenschaften“. Wegen abnormal hoher Motortemperaturen musste zwar der Lufteinlass für den Ölkühler geändert werden. Doch schon am 22. Juli folgten zwei weitere Testflüge mit eineinhalb Stunden Dauer. Am selben Nachmittag flog das Replikat von Sion nach Bex-Les Placettes.

Was jetzt noch am Flugzeug geändert werden musste, waren nur einige technische Kleinigkeiten. Stéphane Haug besitzt seit mehreren Jahren eine Pilotenlizenz. Doch das schmale Fahrwerk der Spitfire setzt spezielles Training voraus. Das holte sich der Junior-Erbauer auf dem hinteren Sitz einer Zlin Z-326 Trener, ein Tandemsitzer mit Spornrad. „Das einsitzige, enge Cockpit, die lange Cowling – unter der immerhin 330 PS donnern –, die beim Start und unmittelbar vor dem Aufsetzen die Sicht nach vorn sehr einschränkt, das ist schon was Ungewohntes“, so Haug über die MJ-10. Also ein Wechsel vom gemütlichen Kutschengaul zum rassigen Rennpferd? Oder wie muss man sich das Verhalten der Spitfire vorstellen? „Das optimale Verhältnis von Gewicht zu Leistung ergibt sehr gute Flugeigenschaften, sodass das Fliegen mit dem Spitfire-Replikat vage mit dem einer SIPA 903 oder Mooney vergleichbar ist„, erklärt der 39-Jährige.

Eine Engländerin, gezeichnet in Frankreich, angetrieben von einem Ami und gebaut in der Schweiz

Jedenfalls sorgt die frappierende Ähnlichkeit in den Formen und Proportionen mit einer Spitfire Mk V in Originalgröße regelmäßig für Verwirrung bei Betrachtern. Wer ein Merlin- oder Griffon-bestücktes Original vor sich wähnt und sich vorsichtshalber die Ohren zuhält, kann sich über das trommelfellschonende Replikat freuen. Und dass die Dimensionierung abweicht – das darf man in der kleinen Schweiz nun wirklich nicht so eng sehen.

Text: Joe Rimensberger/Markus Wunderlich; Fotos: Joe Rimensberger; fliegermagazin 10/2005

Technische Daten
Spitfire MJ-10
  • 10,3 m
  • 12,65 qm
  • 7,67 m
  • 2,5 m
  • 939 kg
  • 1150 kg
  • 125 l (Avgas 100 LL oder Mogas)
  • 1 Chevrolet V8 SB, 330 PS
  • 60 l/h
  • Pläne von Marcel Jurca sind erhältlich bei: Jurca Air Force – Comité Marcel Jurca, E-Mail: cmj@marcel-jurca.com. Darüber hinaus gibt es eine Metall-Spitfire (1:1,25) als Kit bei Felix Gadow, Infos unter www.supermarine-germany.com
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