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UL-Formation Pioneer Team

Kunstflug mit ULs ist in Deutschland tabu – doch gegen kunstvollen Formationsflug ist nichts einzuwenden. Das Pioneer Team aus Italien hat sich damit sogar über die Grenzen Europas hinaus einen Namen gemacht

Von Redaktion
UL-Formation Pioneer Team
Rauchende Rotte: Das Pioneer Team wärmt
sich über dem Möhnesee auf für sein Programm auf den Flugtagen in Soest Foto: Johannes Kleine

Claudio Foglio schiebt die Kabinenhaube nach vorne. In wenigen Augenblicken werden auf ein Kommando zeitgleich die Rotax-Motoren angelassen, doch noch herrscht Ruhe im komfortablen Cockpit der Alpi Pioneer 330.

Am heutigen Augustmorgen bin ich Gast an Bord des Pioneer Teams aus Italien. Die Piloten nutzen die freie Zeit vor dem Beginn der Flugtage Soest, um die Displaybox und die Umgebung rund um den Flugplatz besser kennen zu lernen. Ich habe das große Glück, dabei als Passagier mitfliegen zu dürfen.

Foto: Johannes Kleine
Zu Gast in Soest: Loris Mazzetto, Alberto Biagetti, Silvia Rappo, Team-Leader Corrado Rusalen und Claudio Fogli (von links)

Die Motoren laufen mittlerweile. Jeweils zwei ULs richten sich jetzt nebeneinander auf der Piste aus, gestartet wird ebenfalls in Zweier-Formation. Nach dem Abheben nehmen wir Kurs auf den nahen Möhnesee. Bereits kurz nach dem Querabflug rücken alle vier Maschinen merklich näher zusammen. Als gemeiner Privatpilot ist man ja üblicherweise heilfroh, wenn die Welt um einen herum nicht gefüllt ist mit anderen Flugzeugen. Nun aber wächst in der Frontscheibe der Vordermann zum Greifen nah groß heran.

Foto: Johannes Kleine
Ganz schön dicht: Zum Team gehören Berufspiloten mit vielen tausend Stunden Flugerfahrung – sogar der Firmenchef von Alpi ist dabei, dem Hersteller des agilen Holz-Zweisitzers

Beim Formationsflug sind keine hektischen Ruderausschläge erlaubt

Mach dir keine Sorgen, das sind alles Profis, geht es mir durch den Kopf. Und tatsächlich: Auch wenn der Anblick zunächst gewöhnungsbedürftig ist, ist offenbar alles in bester Ordnung, mein Pilot bleibt jedenfalls gelassen. Auf die Kommandos des Leaders Corrado Rusalen wechseln seine Fliegerkollegen ruhig – und verblüffend zügig – ihre Positionen. Von hektischen Ruderausschlägen keine Spur.

UL-FormationUL-FormationFoto: Johannes Kleine
Mit Leichtigkeit: Die UL-Formation bezaubert ihre Zuschauernicht durch brachiale Motorpower, sondern durch fließendeBewegungen und harmonisch wirkende Figuren

Ein Wechsel der Gesamtformation und einzelner Flugzeuge geht auf den ersten Blick mühelos vonstatten. Wie durch unsichtbare Abstandshalter klebt jeder Flieger an seiner Position. Für die Piloten bedeutet das in jeder Sekunde ununterbrochene Aufmerksamkeit. Eine obligatorische Voraussetzung bei Abständen von nur wenigen Metern zwischeneinander. Selbst leichteste Windeinflüsse müssen in präziser Handarbeit korrigiert werden, mal ganz davon abgesehen, dass Richtungsänderungen ohnehin mit zum laufenden Programm des Displays dazugehören. Hier nicht aufmerksam zu sein, erscheint mir unvorstellbar.

Das Pioneer Team besteht aus routinierten Fliegern

Im Team ist das gesamte Spektrum der Luftfahrt versammelt, vom Segelflieger über einen ehemaligen Starfighter-Piloten bis zum Fluglehrer. Gemeinsam kommt das 2005 gegründete Pioneer Team auf nicht weniger als 25 000 Flugstunden. Allein 8000 davon entfallen auf den Leader Corrado Rusalen, der im Übrigen auch Geschäftsführer von Alpi Aviation im italie-nischen Pordenone ist, dem Hersteller des agilen Zweisitzers Pioneer. Alberto Biagetti, ganz rechts außen in der Formation, verbrachte über 13 000 Stunden in Cockpits zahlreicher Typen wie Fiat G-91, Lockheed F-104 sowie in Airlinern der Typen McDonnell Douglas MD-80 und Boeing 747.

FormationsflugFormationsflugFoto: Johannes Kleine
Maßarbeit: Höchste Konzentration und genaue Absprachen sind das A und O beim Formationsflug

Als Gründungsmitglied nimmt Claudio Foglio, mein Pilot, unterschiedliche Positionen im Team ein und ist mit 3000 Flugstunden auf verschiedenen Mustern ebenfalls sehr routiniert. Silvia Rappo ist nicht nur die Managerin des Teams, sie hat auch gut 1200 Stunden am Steuer von Flugzeugen und Hubschraubern verbracht. Üblicherweise fliegt sie im Pioneer Team links außen und traut sich ansonsten auch schon mal im Flug aus dem Cockpit heraus: als Wingwalkerin auf einer Boeing Stearman. Die Choreografie des Teams wäre ohne Koordination vom Boden aus nicht denkbar.

VorflugcheckVorflugcheckFoto: Johannes Kleine
Routiniert: Koordinator Loris Mazzetto und Pilotin Silvia Rappo beim Check der Nummer 2

Loris Mazzetto setzt sich als Ground-Koordinator dafür ein, dass die Figuren stimmen und die passende Musik zum richtigen Zeitpunkt kommt. Mit 1100 geloggten Stunden ist auch er Vollblutflieger. Nicht in Soest mit dabei, aber dennoch zum fliegenden Personal der Gruppe gehören noch Marco Savini, Position left wing, und Sandro Nicosanti als right wing. Clara Cirasa, ebenfalls Gründungsmitglied, unterstützt die Formation vom Boden aus als Kommentatorin und Koordinatorin.

Kunstflug mit einem UL? Das geht!

Während unter uns der Möhnesse in der sommerlichen Morgensonne glitzert, malt das Quartett mit weißem Rauch den Flugweg nach. Mich hält die Nähe innerhalb der Formation immer noch in Atem. Freilich ist Kunstflug mit ULs in Deutschland tabu. Doch Loops und Rollen müssen es auch gar nicht sein, denn in solch einer »Vierer-Bande« zu fliegen, ist an sich schon Action und Spannung pur!

Pioneer 330Pioneer 330Foto: Johannes Kleine
Turngerät: Die Pioneer 330 basiert auf der »300«. Ihre Struktur hält eine Belastung von +6/–3 g aus – ausreichend für das Programm

Mit Kurs zurück zum Flugplatz wird die enge Formation dann allmählich etwas lockerer. Nach und nach drehen die Pioneer 330 in den Endanflug ein. An Flugtagen in ganz Europa nimmt das Pioneer Team als gern gesehener Gast regelmäßig teil. Displays in Südkorea, Japan, Frankreich, Holland, Belgien, Österreich, Ungarn, Spanien, Polen, Griechenland, der Türkei und Deutschland sind ein verlässlicher Beleg für die Qualität des Programms und die Begeisterung beim Publikum. Die Mischung aus Präzision und Eleganz, farbigem Rauch, Pyrotechnik und passender Musik weckt Emotionen.

Das Pioneer Team fliegt auch International

Zu Recht stolz ist das Pioneer Team, Ende April 2017 an der Formation Aerobatic Championship in China teilzunehmen. Seit Dezember haben Silvia und Corrado jeden Tag mit der Vorbereitung für diese Reise und den Wettbewerb verbracht, ab Mitte Februar wurden dann die Maschinen für den Überseeversand vorbereitet, das heißt: Sie wurden so weit demontiert, dass sie alle vier in einen Fracht-Container passten. Fünf Wochen dauert die Fahrt mit dem Containerschiff von Italien nach China. Am 25. April will das Team seine Flieger in Zhengzuhou in Empfang nehmen und aufmontieren. Auch nach der Formationsmeisterschaft bleibt der Zeitplan übrigens sportlich, denn Anfang Juni will das Pioneer Team in die europäische Flugshow-Saison starten. Der Rücktransport der Flugzeuge erfolgt daher auf dem Landweg mit der Bahn – die braucht nur etwas weniger als 20 Tage für die über 8300 Kilometer weite Strecke.

Die Generalprobe ist gelungen

Der Orientierungsflug über dem Möhnesee war für die Formations-Experten jedenfalls eine gute Übung zum Warmwerden: Ihr eigentliches Display als Bestandteil der Flugtage Soest ließ keine Wünsche offen. In zwölf Minuten tauchten die vier ULs den Himmel in bunte Farben und bewegten sich majestätisch schwungvoll in stimmigen Figuren durch die Luft.

GelandetGelandetFoto: Johannes Kleine
Ziel erreicht: Das Publikum in Soest ist begeistert von derspektakulären Show der Italiener

Staunende Gesichter und kräftiger Beifall nach der Landung bescheinigten den Italienern, an beiden Tagen alles richtig gemacht zu haben. Nicht von ungefähr kommt das Prädikat, das sich Team in der internationalen Szene erflogen hat: semplicemente stellare – einfach überirdisch!

Text & Fotos Johannes Kleine fliegermagazin 04/2017

Technische Daten
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