Ultraleicht

Ultraleicht: Flywhale-Erprobung

Die feuchte Premiere ist gelungen: Der Flywhale kann schwimmen. Helmut Rind hat sein UL-Amphibium zum ersten Mal ins Wasser gerollt

Von Martin Naß
Ultraleicht: Flywhale-Erprobung
Schwimmerprobung: Bild aus einer frühen Entwicklungsphase des Flywhales im November 2012 Foto: Martin Naß

Es ist ein kalter, nebliger Samstagmorgen am Beachclub Nethen. Nethen? Genau. Man muss die Gegend schon sehr gut kennen oder vielleicht in der Wasserski-Szene vernetzt sein, um den Baggersee bei Oldenburg als gutes Wassersport-Revier abgespeichert zu haben. In der warmen Jahreszeit ist der See ein überaus beliebter Treff für Sonnenhungrige und Badefreunde der Umgebung, und wer es sportlicher mag, holt sich auf der 760 Meter langen Wasserski-Anlage den sportlichen Kick. Doch davon ist heute nichts zu sehen; der feinsandige, sanft abfallende Strand ist leer, die Bar verwaist. Auch der Nebel will sich einfach nicht lichten, man kann vielleicht 100, maximal 200 Meter weit sehen. Die perfekte Umgebung für das, was Helmut Rind und seine Helfer heute vorhaben: Sie wollen den Flywhale zum ersten Mal zu Wasser lassen und sehen, ob das UL-Amphibium auch wirklich schwimmt.

Allzu viele Zuschauer soll es dabei nicht geben, auch wenn sich Konstrukteur und Erbauer Helmut Rind sicher ist, dass es keine böse Überraschung geben wird. Dennoch haben er, seine Frau Elke und die befreundeten Helfer, die auch vor nassen Füßen nicht zurückschrecken, an alles gedacht. Der Beachclub ist nicht nur über das geheime Treiben informiert, sondern stellt freundlicherweise ein Motorboot samt Besatzung zur Verfügung, das den Flywhale bei seiner ersten Wasserung begleitet. Über Funk hält Helmut Rind, der das UL natürlich selbst in die Fluten steuern wird, Kontakt zur Strand- und Bodencrew, die wiederum genau darauf achten soll, wie der Flywhale im Wasser liegt. Letzte Checks, Schwimmweste an, Haube zu, Prop frei – Zündung! Der Rotax 912 orgelt etwas, springt dann aber an, und Helmut Rind rollt sein Amphibium in Richtung Wasser.

Letzte Checks, Schwimmweste an, Haube zu, Prop frei – Zündung!

Ein, zwei Mal würgt er das 100-PS-Triebwerk ab, die Standgasjustierung ist noch nicht perfekt. Gefühlvoll bugsiert er den Hochdecker weiter, die Räder berühren das Wasser, dann ist er drin und schwimmt frei: Premiere gelungen! Am Bugrad hängt noch eine lange Leine, mit der sich der Prototyp wieder einfangen ließe, doch es scheint, als sei das gar nicht nötig. Nach ein paar Links- und Rechtskurven steuert Rind daher kurz das Ufer an, um den Wal von der Leine zu lassen. Ein kurzer Schubser vom Boot, und das Amphibium ist wieder in seinem feuchten Element. Besonderes Augenmerk gilt den Stützschwimmern, den so genannten Sponsons, die auch das elektrisch betriebene Hauptfahrwerk aufnehmen. Wie tief liegen sie im Wasser? Bleiben sie auch in Kurven frei oder werden sie überspült?

Teamarbeit: Zu zweit lassen sich die Tragflächen gut an- und abbauen

Nur in der Praxis zu überprüfen ist auch, ob und wie tief das Seitenruder eintaucht, ob es effektiv als Wasserruder genutzt werden kann. Die Kurven gelingen jedenfalls bestens, der Flywhale ist im Wasser sehr manövrierfähig. Der Propellerstrahl strömt das Seitenruder gut an, wodurch es auch bei wenig Fahrt aerodynamisch wirksam ist. Mit kurzen, stärkeren Gasstößen probiert Helmut Rind das Nickmoment aus, das bei dem weit oben auf einem Pylon montierten Triebwerk nicht ganz unerheblich ist. Vom Strand aus funkt Erhard Ebmeier den Wasserflieger an und mahnt zur Vorsicht: Das Bugrad ist noch draußen und würde vermutlich zur Stolperfalle, bevor das UL „auf Stufe“ kommt, also von der Wasserverdrängung ins Gleiten übergeht. Einfahren wollen es die Wal-Tester heute aber nicht, zumal sowieso der Nebel einer schnellen Wasserfahrt entgegenstünde.

Flywhale-Erprobung: Die Haube geht auf, Helmut Rind strahlt!

Auch das gelenkte Bugrad wird beim Serien-Flywhale elektrisch ein- und ausgefahren, allerdings ist seine Schaltung vom Hauptfahrwerk abgekoppelt. „Ein Tipp von erfahrenen Wasserfliegern“, verrät Erhard Ebmeier. „Wenn du etwas steilere Ufer ansteuerst, um an Land zu rollen, kann man das Hauptfahrwerk noch im Wasser ausfahren und lässt das Bugrad drin: Dann kannst du mit etwas Gefühl die Nase aufsetzen und die Maschine in einem flacheren Winkel an Land hochschieben.“ Fürs Erste reicht es heute. Der Flywhale nimmt etwas Fahrt auf und steuert den Strand an, nicht ohne das Hauptfahrwerk vorher wieder ausgefahren zu haben. Mühelos kommt der Zweisitzer an Land. Die Haube geht auf, Helmut Rind strahlt!

Strandläufer: Auch an Land macht der Flywhale eine gute Figur

Etwas Erleichterung ist auch dabei, denn selbst wenn alles gründlich durchgerechnet und durchdacht ist – in der Praxis ist es dann doch noch etwas anderes. „Der Moment, in dem ich vollständig im Wasser war und gespürt habe: jetzt schwimmt er! – das war sehr aufregend. Ein wirklich tolles Gefühl!“ Über 4000 Arbeitsstunden hat der energiegeladene Norddeutsche in sein Projekt gesteckt, und es geht noch weiter. „Wir werden die Videos und Fotos auswerten und dann einen zweiten Prototypen bauen, in denen unsere Erkenntnisse einfließen. Mit dem Ergebnis heute bin ich überaus zufrieden, und ich weiß auch schon, wo wir bei Nummer zwei ansetzen werden.“

fliegermagazin 1/2013

Technische Daten
Über den Autor
Martin Naß

Martin Naß ist seit 2005 UL-Pilot. Der gelernte Journalist liebt Flüge über die Nordsee, auf die Ost- und Nordfriesischen Inseln. Er war einige Jahre viel mit dem eigenen Spornrad-Eurofox unterwegs, heute chartert er ULs in Itzehoe und Husum.

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