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UL-Tour nach Ungarn: Ausflug mit C42

Warum immer nur in den Süden, wo alle hinwollen? Frankreich im Westen und Skandinavien im Norden – auch schon abgehakt. Aber der Osten: Da wartet Neuland. Und von Ungarn hört man ja tolle Geschichten. Also auftanken und hin!

Von Redaktion
Einmal mehr Top: UL-Bestseller C42 von Comco Ikarus, hier die Baureihe C
Einmal mehr Top, auch 2020: UL-Bestseller C42 von Comco Ikarus, hier die Baureihe C Frank Herzog

Ein bunt zusammengewürfelter Haufen Piloten, eine 290-mal-12-Meter-Graspiste mit 230- Meter-Querbahn, noch nie größere Schäden an Mensch und Material, obwohl hier auch schnelle ULs landen – unser kleiner Kosmos im württembergischen Dörzbach ist in bester Ordnung. Was will man eigentlich mehr? Viel: Ein Mal jedes Jahr sollte ein größerer Ausflug drin sein. Da ich schon fast alle Europakarten im Computer hatte, befragte ich meinen Flightplanner nach einer aussitzbaren Route. Nach Osten sollte es gehen – soweit wie möglich. In alle anderen Himmelsrichtungen waren wir schon mal geflogen. Im Morgenland – oder fast dort, jedenfalls weit entfernt – liegt das Schwarze Meer. Karpaten, Knoblauch, Dracula, Constanza – zehn Stunden Flugzeit, also für eine C42 nicht zu weit weg. Rumänien erweist sich jedoch als schwierig: zuviele Formalitäten. Die Richtung wollen wir aber beibehalten. Nach telefonischer Rücksprache mit einigen ungarischen Flugplätzen ist alles klar – Ungarn, wir kommen!

Unsere neue C42 mit gerade mal zwölf Stunden wird auf Herz und Nieren geprüft und bekommt ihren ersten Ölwechsel. Von unseren „obersten Heeresleitungen“ erhalten Wolfgang God und ich Freigaben. Am Abend des 5. Septembers 2005 gebe ich einen Flugplan von Vilshofen (EDMV) nach Fertöszentmiklós (LHFM) auf. Das Wetter am andern Morgen: Klasse! Von Dörzbach schiebt es uns ins Reich der Weißwürste; die Abblockzeit des Flugplans ist nicht gefährdet. In Vilshofen müssen wir uns mit dem Start sogar noch etwas gedulden. Als es um 10.06 Uhr UTC endlich losgeht, sind wir voller Vorfreude. Immer der Donau entlang bis zur österreichischen Grenze. Jetzt Wien Info rasten und … aha, auch im Kopf umschalten: Ab jetzt ist Englisch die Umgangssprache. Am Anfang verbiege ich mir noch ein wenig die Zunge, aber es geht schnell wieder besser. Wolfgang fliegt exakt auf dem Strich, und die Schaukelei hält sich in Grenzen.

In Niederösterreich beginnt die Schaukelei

Nördlich an Linz vorbei immer auf Kurs Fertöszentmiklós. Das bergige Gelände über Niederösterreich (von wegen nieder!) verlangt jetzt eine Flughöhe von 7000 Fuß. Berge, Thermik, Luv und Lee – die Schaukelei beginnt. Wir sind froh, als wir die Alpenausläufer südlich von Wiener Neustadt verlassen haben und den Sinkflug nach Ungarn einleiten können. Über Deutschkreutz rasten wir Budapest Info. Fünf Minuten später haben wir Fertöszentmiklós in Sicht und den Flugleiter im Kopfhörer. Die Landung auf der fast 1000 Meter langen Asphaltbahn ist nur noch Formsache. Zwei Stunden und 14 Minuten waren wir in der Luft. Zoll und Landegebühren kosten 17 Euro, Avgas gibt’s für 1,70, wir nehmen 40 Liter. Und eine kalte Cola. Weiter geht’s! Für den Ausflug aus Ungarn sollte man sich diesen Platz merken. Dann bekommt man den Sprit zu 80 Cent, wie uns die Platzbesitzerin sagt. Nach erneuter Funkverbindung mit Budapest Info gibt man uns in sehr gut verständlichem Englisch den Weg nach Siófok-Kiliti (LHSK) über den Meldepunkt Sirdu frei.

„Melden Sie Balaton in Sicht“ – was ich auch mache, als wir die letzten Hügel nordwestlich davon überfliegen. Diese Riesenbadewanne! Nach 25 Jahren sehe ich sie endlich aus der Luft. Damals war ich vom warmen Wasser begeistert. Kiliti Info empfängt uns mit einem rechten Queranflug auf die „15“; schon über Siófok war der Platz zu erkennen. Jetzt provoziert die große Grasfläche eine kleine Diskussion zwischen PIC und Navigator: Wir sind uns nicht ganz über die Lage der 2000-Meter-Bahn einig. Im Endteil löst sich das Problem. Nach einer Stunde Flugzeit werden wir herzlich begrüßt. Eine deutschsprachige Taxifahrerin bringt uns nach Siófok in ein kleines Hotel. Als etwas nervig erweist sich die Lauferei in der Stadt und zum Baden. Ein Fahrradverleih nimmt uns die Unannehmlichkeit ab.

In Siófok genießen wir die leeren Strände

Da die Saison vorbei ist, haben wir fast den ganzen Strand für uns. Vielleicht liegt es aber auch an den vielen Schlangen, die sich im Hafen tummelten. Als unerschrockene Flieger jedoch genießen wir das tolle Wasser und planschen, was das Zeug hält. Die Kneipen und Restaurants sind ziemlich leer – egal, uns schmeckt der Caipirinha ausgezeichnet. Müßiggang ist aller Laster Anfang, deshalb wollen wir am dritten Tag weiter. Piroschka und Julischka sollten wir auch noch guten Tag sagen, hat man uns geraten. Doch wo wohnen die? Vielleicht bei Graf Esterházy in der Puszta und hüten dort die Enten? Puszta, Land ohne Berge, Ziehbrunnen, unerschrockene schnauzbärtige Reiter, Viehherden, glutäugige, schwarzhaarige Mädels mit wehenden Unterröcken – solche Bilder gehen einem durch den Kopf, wenn man an den Osten Ungarns denkt. Außerdem wäre da noch das Schwarze Meer

16 Euro Lande- und Abstellgebühren bezahlen, Flugplan nach Debrecen (LHDC) aufgeben, und ab in die Luft. Flugpläne sind in Ungarn nicht vorgeschrieben, aber für entspanntes Fliegen notwendig: So braucht man sich keine Sorgen um Sperr- und Gefahrengebiete zu machen, da einen die Flugsicherung über eventuelle Risiken der Luftraumverletzung informiert. Uns weist sie 2500 Fuß zu – eine gute Höhe zum Schauen. Südlich von Budapest überqueren wir die Donau, vor uns liegt die Puszta – weit und breit nichts als Steppe, Sumpf und Wiesen. Irgendwo eine kleine Gänseherde … Ich habe das Gefühl, dass die Verbindung zu Budapest Info nicht mehr besteht. Keinerlei Gequake und Gequengle stört unseren Flug. So genießen wir Musik aus unserem Player. Nach zwei Stunden ist Debrecen in Sicht. „Melden Sie Endanflug ’05‘ rechts“ – zweieinhalb Kilometer Beton gehören uns. In der Mitte weitere 2500 Meter Beton mit Grasbüscheln; das hat mal den Russen gehört, in den vielen Sheltern waren ihre Jäger abgestellt.

Das hat schon was: mit dem Follow-me zur Parkposition, ein Stück weiter Airbus und Co

Von der Piste rollen wir mindestens einen Kilometer bis zum Tower. Dort winkt uns Julischka (mit Warnweste) auf unseren Abstellplatz. Ein deutschsprachiger Taxifahrer bringt uns in die Stadt und sucht ein günstiges Hotel am Rande. Von dort sind wir nach einer halben Stunde Fußmarsch mitten in der schönen Universitätsstadt. Alles neu hergerichtet und großzügig gestaltet, mit netten Lokalen und urigen Kneipen. Der Caipirinha schmeckt wieder vorzüglich. Am Ende des zweiten Tages verstehen wir es sogar, die Straßenbahn zu benutzen. Was für ein Luxus! Mit Rumänien wird’s allerdings nichts: keine Einfluggenehmigung. So beschließen wir, unser Ausweichziel mitzunehmen: die Insel Krk in Kroatien. Ausgiebiges Wetterstudium in einem Internetcafé berzeugt uns davon, dass die Strecke machbar sein wird. Auf zum Platz! Diesmal betragen die Lande- und Abstellgebühren 27 Euro. In den Flugplan schreiben wir Sármellék (LHSM) am Westende des Balatons.

Als endlich der Touribomber aus Leipzig abgefertigt ist, können auch wir unseren Flieger beladen, checken und tanken. Nach 20 Minuten erbitte ich „Start-up“. Wir sind gerade losgerollt, um über „Alpha“ die „23“ zu erreichen, als der Türmer plötzlich fragt, ob wir in der Lage seien, von unserer Position aus zu starten. „Natürlich!“ Klappen raus und Gas rein – der Rollweg wird zur Startbahn, die C42 zum Airtaxi, 800 Meter folgen wir strikt dem Zubringer – wieder ein neues Erlebnis. Unter uns verschwindet der gigantische Flugplatz mit seinen eingefallenen Häusern und Hallen aus der Besatzungszeit. Wir sind wieder allein mit Budapest Info. Heute scheint noch weniger los zu sein. Nur zwei Mal werden wir zu einem Frequenzwechsel aufgefordert. Als wir den 80 Kilometer langen Plattensee passiert haben, rasten wir Sármellék. Die Piste 17 ist in Betrieb: 2500 Meter Beton. Wiedermal meint es die Infrastruktur viel zu gut mit uns; artig verlassen wir die Bahn am Rollweg Golf. Nach dem üblichen Prozedere – Flugplan aufgeben und Landegebühr (15 Euro) bezahlen – warten wir auf den Zöllner.

Erst nach der Zollabfertigung darf getankt werden

Erst danach dürfen wir tanken, da wir das Land verlassen wollen. Der Zöllner ist mit uns ebenso zufrieden wie wir mit dem Avgaspreis: 1,70 Euro. 20 Minuten nach dem Start erreichten wir den Ausflugpunkt Kopry, wo wir an Zagreb Info übergeben werden. Unser Flugplan sieht vor, direkt über Zagreb nach Rijeka (LDRI ) zu fliegen, doch nun verweist man uns auf den VFR-Korridor Panonia 1 – anscheinend ist in Zagreb zu viel Verkehr. Also erstmal Richtung Westen in die Berge. Jetzt kommt mein Navigationsjoker ins Spiel: ein PDA mit dem Programm Oziexplorer. Das lästige Absuchen der Landschaft nach Wegpunkten entfällt, und wir schippern westlich an Zagreb vorbei auf dem Moving-Map-Strich durch die Berge. Über Karlovac dann endlich die Freigabe direkt nach Rijeka. Das Gelände steigt wieder an. Riesige, unlandbare Wälder und wilde Steinformationen drücken von unten. Von oben presst uns die immer dichter werdende Wolkendecke runter. Stets habe ich ein Auge auf die Autobahn neben uns. Sie ist wenig befahren und reicht im Fall des Falles. 30 Minuten bis Rijeka sind heil zu überstehen. Kurz vor den letzten Bergen wird’s eng. Eine Wolkenlücke – das reicht.

Nach etwas mehr als zwei Stunden erreichen wir die Insel Krk

Eine steil abfallende Felswand, an der ein Gleitschirmflieger Kreise dreht, zieht unter uns durch, vor uns liegt das Mittelmeer mit der Insel Krk. Sinken, „rechts Quer“ und eine lange Landung auf der 2500-Meter-Asphaltbahn von Rijeka-Krk. Im Sonnenschein! Zwei Stunden und 13 Minuten hat dieses Leg gedauert. Die freundlichen Flugplatzangestellten helfen beim Verzurren; im Crewbus werden wir zum Tower gefahren: Laufen darf man nicht. Vor dem Flugplatz steht auch schon ein Taxi, das uns in den nächsten Ort bringt. Leider ist das Tourist Office in Omisalj heute geschlossen – wir nehmen gleich das erste Hotel in der Altstadt, die auf einem Berg liegt. Später finden wir heraus, dass am Strand mehrere Hotels stehen, die besser und günstiger sind. Doch das Essen in unserer Unterkunft ist gut, der Caipirinha auch, das Frühstück jedoch äußerst mäßig. Dafür entschädigt das Bad im glasklaren Adriawasser.

Per Satellitenfernsehen erfahren wir von einer heranziehenden Front. So schnell wie möglich wollen wir Richtung Heimat. Ein Taxi zum Platz ist am nächsten Morgen nicht zu bekommen, und so fährt uns der Kellner hin. Wieder müssen wir mit dem Abflug warten, diesmal wegen eines HLX-Bombers. Auf der „32“ gestartet, sind wir schon weit vor Bahnende auf Reiseflughöhe. Über Cres drehen wir Richtung Ausflugpunkt Plomin und folgen dann dem Korridor Adria 1 Richtung Ausflugspunkt Girda. 30 Minuten später passieren wir die slowenische Grenze. In 8000 Fuß ist es kalt. Die Wolkenfelder unter uns werden dichter. Wie in einer Wanne gefangen quellen die Cumuli zu uns herauf. Die Verständigung mit Ljubljana Info gestaltete sich schwierig, da der Controller schnell und schnoddrig spricht. Wir sind heilfroh, als wir die Karawanken erreichten und uns über „Istri“ in Klagenfurt zur Landung melden.

Die Alpen sind zu

Das hat was: mit dem Follow-me auf die Parkposition geführt zu werden und lässig zum GA Gate zu schlendern, zwischen Airbus und Co. Die Zöllnerin winkt uns freundlich durch. Mit 22 Euro halten sich die Landegebühren in Grenzen. Die Wetterberatung klappt hervorragend. Ein Telefon mit roter Wettertaste verbindet mich mit dem Meteorologen, der auf dem daneben stehenden Bildschirm jede meiner Frage mit Bildern und Zahlen bis ins Detail beantwortet. Das Ergebnis jedoch ist ernüchternd: Die Alpen sind zu. Aber über Wiener Neustadt soll’s gehen. Also ausweichen. Der Flugplan nach Wiener Neustadt wird entgegengenommen und der Ausflug aus der Kontrollzone über Völkermarkt genehmigt. Entlang der Autobahn passieren wir Wolfsberg und Graz, dann liegt Wiener Neustadt/Ost (LOAN) vor uns. Ein etwas holpriger Anflug über „Golf“ und Umspannwerk führt direkt in den Horst von Diamond Aircraft: alles voller einheimischer Produkte!

Nach dem Internet-Wetterstudium beschließen wir, sofort Richtung Heimat aufzubrechen; bis nach Vilshofen sollte es langen. Trotzdem tanken wir nochmal – wenn schon günstiges Autobenzin zu bekommen ist. Gleich nach dem Start rauf über die Niederösterreichischen Berge. Ein 30- Knoten-Wind bläst uns auf die Nase. Alles etwas unruhig. Die Groundspeed fällt auf unter 100 km/h. Nördlich an Linz vorbei schleichen wir in immer schlechteres Wetter. Der Flug dauert schier endlose zwei Stunden und 20 Minuten; dafür sind wir wieder in Deutschland. In Vilshofen organisiert der Flugleiter eine günstige Übernachtung. Unsere brave C42 bekommt ebenfalls ein Dach für die Übernachtung. Das Essen im Flugplatzrestaurant ist prima und auch der Caipirinha „Bei Paula“: hervorragend!

Erst als der Regen am nächsten Tag um 13 Uhr nachlässt, erlauben Wolkenuntergrenzen und Sichten den Weiterflug. Bis Regensburg mogeln wir uns durch, Dörzbach erreichen wir bei Sonnenschein. Nach gut zwei Flugstunden genießen wir unser wohlverdientes Viertele Rotwein. 2600 Kilometer in 19 Stunden und 52 Minuten, keinerlei Probleme mit unserer C 42, überall freundliche Leute und massig neue Eindrücke. Das Beste jedoch war Ungarn. Ein Paradies für VFR-Flieger. Prädikat: besonders empfehlenswert!

Text und Fotos: Gustav Kukawka, fliegermagazin 4/2006

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