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Von Baja California bis ins Land der Canyons: USA im Amphibium

Was macht man, wenn das Herz sowohl fürs Fliegen als auch für den Wassersport schlägt? Man kombiniert beides – Reisen mit dem Amphibium. Das heißt, landen wo man gerade will: vor dem Strand, in der Wüste, auf Seen oder in Canyons. Frei und unbekümmert. Das schweizerische Ehepaar Peter und Paula Schoenenberger leistete sich diesen wahren Luxus

Von Redaktion
Vogelperspektive: Die Seen im Canyonlands National Park entstanden beim Kali-Abbau (Foto: Dirk Kruse) Foto: Dirk Kruse

Eine einsame Bucht. Der schneeweiße Sandstrand blendet fast schmerzhaft; ein kleines Restaurant, ein paar Hütten ohne Fenster und Türen warten auf uns. Noch bevor die Maschine steht, wirbelt ein klappriger Ford – Farbe undefinierbar – viel Sand auf. Genaro, der Fahrer, begrüßt uns mit einem herzlichen „Buenos dias!“ und fährt uns die paar Schritte von der Piste bis zum Palapa. Der Planet glüht. Im einfachen Strandlokal ist Selbstbedienung angesagt, das haben auch schon die zwanzig Spatzen begriffen, die hier herumhüpfen. Wir holen uns die Getränke aus der Kühltruhe, sie sind lauwarm, Fisch und Fleisch schreien nach Kühlung. Der Stromgenerator rattert nur ein paar Stunden am Tag. Wir deklarieren die Situation als kulinarischen Notfall und beginnen an unseren Vorräten zu knabbern. Eine Maus folgt ungefragt unserem Beispiel. Trinkwasser haben wir genug, und als wir noch in Fässern gelagertes Benzin entdecken, ist unser Glück perfekt.

Genaro und Juan helfen mir beim Einfüllen. Sie sind für dieses „Ferienresort“ zuständig und haben jede Menge Zeit, im Restaurant sitzt keine Menschenseele. Dafür ziehen Delfine nahe am Ufer vorbei, Pelikane gleiten elegant übers Wasser, Rochen springen über die Wellen, aus einem kleinen Tonbandgerät scheppern mexikanische Liebeslieder. So ungefähr haben meine Frau Paula und ich uns das in der heimeligen Schweiz vorgestellt. Schon beim ersten Blick in den Reiseführer „Air Baja, A Pilot’s Guide to the Forgotten Peninsula“ waren wir begeistert. Das Buch verspricht menschenleere Buchten, viel ursprüngliche Natur, meterhohe Saguarokakteen, Asphalt-, Schotter- und Sandpisten – einfach Abenteuer pur! Und ein Amphibienflugzeug ist genau das richtige Gefährt dafür, damit sind all diese phantastischen Plätze erreichbar.

Asphalt-, Schotter- und Sandpisten – Und ein Amphibienflugzeug ist genau das richtige Gefährt dafür

Zu Hause beginnen wir mit der Planung, bald schon steht die Route: abenteuerliche Pisten und möglichst Plätze fernab jeder Zivilisation. Unser Flugzeug ist eine Searey, ein Experimental (www.searey.com). Die Tagesziele sollen in gemütlichen zwei bis drei Stunden Flugzeit erreichbar sein, die fünf Stunden Reichweite der Maschine haben wir im Hinterkopf. Dass unser Rotax 914 Turbo mit Avgas und Mogas fliegt, erleichtert die Planung sehr. Wir sind jetzt schon vier Tage unterwegs. Los ging’s auf dem Flugplatz Imperial in Kalifornien. Dort führe ich den Vorflugcheck im Schein einer Taschenlampe durch. Noch bevor die Sonne am Horizont steht, heben wir ab. Bekannte Gebiete verschwinden, wir können es kaum erwarten, die Baja California zu entdecken. Bereits 20 Meilen vor dem Internationalen Flugplatz San Felipe rufe ich den Tower. Alle Versuche sind erfolglos, der Controller bleibt stumm. Ich bin schon im Landeanflug, da höre ich endlich: „Wind calm, Runway 31 in use! Welcome in Mexico.“

Kaum gelandet, umstellen vier mexikanische Soldaten unser Flugzeug, sie sind bis an die Zähne bewaffnet. „Sprecht Ihr Spanisch?“, erkundigt sich ein Uniformierter. „Ja, ein wenig“, nicken wir. Plötzlich reden alle durcheinander. „So ein Flugzeug haben wir noch nie gesehen!“ Sie staunen über unser Amphibium. Es wird gelacht und diskutiert. Ja, mit dieser Maschine habe ich mir einen Traum erfüllt. Als leidenschaftlicher Hochseesegler und Pilot sind für mich beim Wasserfliegen gleich beide Elemente miteinander verbunden: Wasser und Luft. Mit einem Amphibium sind die Möglichkeiten schier grenzenlos. Nachdem sich der Kommandant auf seine Pflicht besinnt und die Nummer meiner Pilotenlizenz in ein Formular eingesetzt hat, können wir uns um die weiteren Formalitäten kümmern. Der Controller sitzt vergnügt im Terminal und füllt für mich den Flugplan aus. Es ist empfehlenswert, sich auch über die Möglichkeiten von Wasserlandungen zu erkundigen.

In der Nähe lauert der Hurrikan Otis

Nach 30 Minuten sind alle Stempel auf dem richtigen Dokument, die Gebühren bezahlt und unser Dollarbündel dünner. Wir haben Berge von Scheinen dabei, die Kreditkarte wird vielerorts nicht akzeptiert, und Wechselgeld ist nie vorhanden … September, das Thermometer steht auf 40 Grad, und wir schwitzen tüchtig. Ob das so weiter geht? Auf der Baja California Wetterberichte zu erhalten wird oft schwierig sein. Sicher werden wir aber Otis im Auge behalten: nicht etwa ein Mexikaner, sondern der Hurrikan, der momentan am Südzipfel der Baja California lauert. Auch sind im Herbst noch ab und zu Chubascos zu erwarten, starke Winde und Gewitter. Blick zum Himmel: kein Sturm weit und breit. Also sofort Schwimmwesten anlegen, der Entdeckung dieser großartigen, über 1500 Kilometer langen Halbinsel steht nichts mehr im Weg! Wir sind unbeschwert, der Himmel ist strahlend blau, die Sicht fast unendlich und Otis weit entfernt. Übermütig sausen wir im Tiefflug die Küste entlang. Das Meer ist ruhig, notfalls könnte ich jederzeit auf dem Wasser landen.

Auch rund um Alfonsinas gibt es genügend Wasserflächen. Der Ort mit eigener Piste und ein paar Dutzend Häusern liegt auf einer Sandbank. Zwei Tage vor und nach Vollmond steht die Bahn allerdings unter Wasser. Ein kleines Hotel mit Restaurant wartet am Ende von Runway 36 auf die paar Fremden, die sich hierher verirren. Antonio begrüßt uns, er sieht aus, wie man sich einen Mexikaner vorstellt: Dunkler Blick, dunkle Haare und ein imposanter Schnauzer, der seine Männlichkeit unterstreicht. Er freut sich über unseren Besuch: „Sucht Euch ein Zimmer aus“, lacht er, „ihr seid die einzigen Gäste!“ Das Flugzeug können wir direkt vor dem Hoteleingang abstellen. Bei Wasserlandungen ist die „Piste“ jedesmal anders. Windrichtung, Wellengang und Strömung bestimmen die Auswahl. Ich muss die Gezeiten beachten, wobei nur ein Tiefflug die Riffs verrät, die knapp unter der Wasseroberfläche lauern.

Vor der Wasserlandung überfliegen wir die „Piste“ mehrmals

Schon beim Anflug habe ich einen Blick auf die Bahia San Luis Gonzaga geworfen. Erst nach mehrmaligem Überfliegen riskiere ich ein paar Wasserlandungen. Sowas macht Hunger. Antonios rundliche Frau kocht uns leckere Quesadillas und Bohnen, dann freuen wir uns auf eine friedliche Nacht. Kaum sind wir entschlummert, fängt es um uns herum an zu pfeifen. Starker Wind kommt auf, wir rennen aufgeregt und halbnackt zu unserem Flugzeug, um die Maschine mit Hilfe von Seilen und herangeschleppten Steinen zu sichern. Ob das der Vorbote eines Chubasco ist? Falscher Alarm, Windstille am nächsten Morgen. Ein Flug mit 72 Knoten über die Sea of Cortez, über kleine Inseln, entlang des Vulkans auf der Isla Smith, raubt uns den Atem. Delfine unter uns, in der Ferne ziehen Walfische vorbei, an der Küste graurote Felsen, das Meer dunkelblau und kristallklar. Die Piste von Bahia de los Angeles liegt einsam in der Wüste inmitten von meterhohen Saguarokakteen.

Bevor wir landen, kreisen wir ein paar Mal über dem Dorf, um einen Taxifahrer auf uns aufmerksam zu machen. Diese Art von Verständigung klappt super: Ein rostiges Auto wartet, kaum habe ich den Motor abgestellt. Um eine Unterkunft mussten wir uns auf der ganzen Reise keine Sorgen machen. Entweder steht ein kleines Hotel gleich neben der Piste, oder der Airstrip liegt nur ein paar Kilometer außerhalb einer Ortschaft. Dann ist Taxifahren angesagt, und Taxifahrer kennen sich immer aus. Auch in unserem Reiseführer sind Runways samt Unterkünfte beschrieben. Aber Vorsicht: Was heute noch in Ordnung ist, kann morgen schon nicht mehr sein – das gilt für Pisten und Hotels! Angel, der Taxifahrer, bringt uns zum Hotel Hamacas. Einfache, saubere Zimmer samt Klimaanlage. Zu unserer Freude reicht der Wasserdruck sogar zum Duschen. Erst als die verschwitzten T-Shirts gewaschen sind, verkümmert der Strahl zum Rinnsal. Vergessen die Hitze, wir sind wieder topfit.

Abends wird der Stromgenerator abgestellt.

Damit wir nicht übermütig werden, bricht um 23 Uhr schlagartig die Dunkelheit herein, es wird sehr ruhig – der Stromgenerator hat Feierabend, die Klimaanlage verstummt. Der Joghurt, den Paula begeistert im Minimarkt gekauft hat, war bestimmt schon vorher sauer. Also gibt es auch am nächsten Morgen wieder Bohnen zum Frühstück. Wie übrigens auf der ganzen Reise; von der ersten Mahlzeit des Tages bis zum Abendbrot scheinen sie uns zu verfolgen. Aber wenigstens landen wir nicht hungrig auf der Sandpiste in San Francisquito. Ein Genuss zum Aufsetzen! Die Pisten waren ein wichtiges Kriterium bei unserer Routenwahl: Möglichst nicht Asphalt, sondern interessant sollten sie sein, jede Bahn eine neue Herausforderung. Auch hier brennt die Sonne tagsüber gnadenlos. Nachts weht ein heißer Wüstenwind, als ob irgendwo da draußen im Dunklen das Gebläse eines gigantischen Haartrockners auf uns gerichtet ist. An Schlafen ist nicht zu denken, Genaro und Juan haben ihre Bettgestelle ins Freie gezerrt und hoffen vergeblich auf Abkühlung.

Meine Frau und ich sitzen am Strand, über uns leuchten Millionen von Sternen. Wann haben wir denn zum letzten Mal die Milchstraße gesehen? Wir bleiben noch einen Tag und unternehmen Entdeckungsflüge. Ein Walhai sorgt für Begeisterung, die Fregattenvögel und Pelikane für aufregende Ausweichmanöver. Nach einigen Tiefflügen über die Bahia de las Animas setze ich zur Wasserlandung an, die Anlegestelle habe ich schon aus der Luft ausgesucht. Im Wasser bleibt nicht viel Zeit zum Überlegen, das Flugzeug ist in diesem Element schlecht manövrierbar. Die Familie, die am Strand ein Haus hat, freut sich über den unerwarteten Besuch. Die Sea of Cortez meint es auch beim Abheben gut mit uns, kaum Wellengang, wie ich es mir wünsche. Morgen werden wir diese ruhigen Gewässer für kurze Zeit verlassen und zum Pazifik fliegen.

Am mexikanischen Unabhängigkeitstag arbeitet keiner am Flugplatz

Zur Abwechslung sausen wir am nächsten Tag nicht im Tiefflug übers Meer, sondern in 5000 Fuß über karge Berge. Der Flugplatz von Guerrero Negro gehört dem Militär. Auf meine zahlreichen Funksprüche erhalte ich keine Antwort. So sende ich meine Absicht wie gewohnt ins Nichts und lande auf der über 7000 Fuß langen Runway, in der Hoffnung, dass ich mir damit keinen Ärger einhandle. Ärger gibt es keinen, aber auch kein Avgas. Mit unserer perfekten Reiseplanung haben wir es geschafft, ausgerechnet am mexikanischen Unabhängigkeitstag hier zu landen. Kein Mensch arbeitet. Viktor, ein mexikanischer Pilot, hilft uns aus der Patsche. Er schleppt einen staubigen Kanister, der 25 Gallonen fasst, aus seinem Hangar. Zusammen fahren wir zur nächstgelegenen Tankstelle an der Hauptstraße. Erst jetzt erwacht das Militär aus einer Art Tiefschlaf. Soldaten marschieren auf die Landebahn und suchen den Piloten.

Paula bleibt die dankbare Aufgabe, die bewaffneten Männer davon zu überzeugen, dass wir nichts Illegales im Schilde führen. Viktor und ich sind nach unserer Rückkehr voll beschäftigt. Unsere Muskelkraft lässt zu wünschen übrig. So durchforscht mein Helfer jede Hangarecke, bis er endlich eine verstaubte Handpumpe findet. Wir wechseln uns mit Pumpen ab. Erschöpft, aber vollgetankt heben wir nach zwei Stunden ab. Der abwechslungsreiche Flug Richtung Süden über Salzfelder, Dünen und der Lagune Oja de Liebre entschädigt für die Knochenarbeit. Die Pazifikküste begrüßt uns mit einer starken Brandung sowie einem Südwestwind von 20 Knoten, und plötzlich hängt die bange Frage in der Luft: „Wo ist denn eigentlich die Piste?“ Zweifel kommen auf, ob wir den Wegpunkt auch richtig ins GPS eingetippt haben. Campo Rene ist schwierig auszumachen, und der Vermerk in unseren Unterlagen „Caution, runway used for road!“ macht die Sache nicht einfacher.

Hinter jedem Kaktus versteckt sich ein Soldat

Unser angestrengtes Suchen wird belohnt: Zu meiner Erleichterung entpuppt sich die krumme Piste bei der Landung als sehr hartgepackter Sand. Wir rollen direkt vor unsere Unterkunft, eine kleine, weiße Cabana. Darin zwei Eisenbetten, eine nackte Glühbirne baumelt von der Decke. Was will man mehr für zehn Dollar? Als Gegenleistung für die übliche Militärkontrolle – es geht immer um Drogen – darf meine Frau ein Gruppenbild von Pilot und Soldaten schießen. Oft steigt während dieser Reise der Verdacht in uns hoch, dass sich hinter jedem Kaktus ein Soldat versteckt. Auch auf der nächsten Etappe nach Mulege genießen wir wieder eine mannigfaltige Landschaft. Auf 8500 Fuß fliegen wir bei einer Density Altitude von 10 500 Fuß vom Pazifik zurück an die Sea of Cortez. Der höchste Gipfel der Sierra San Pedro ist 5610 Fuß hoch. Ich bin froh um die zusätzliche Kraft des Turbo. Die Berghänge sind teilweise grün bewachsen, die Schluchten unter uns bedrohlich tief.

Zurück an der Ostküste besuchen wir die Oase Mulege. Dattelpalmen säumen das Ufer des Rio Mulege. Erst nach drei Tiefflügen über die Piste ist diese geräumt: Zuerst verschwinden Fahrradfahrer, dann Fußgänger, bei den Hunden dauert’s ein wenig länger. An unserem nächsten Ziel geht es geordneter zu. Es ist das zweite Mal auf unserer Reise, dass wir mit einem mexikanischen Controller Funkkontakt haben. Die Verständigung klappt reibungslos. Wir landen weisungsgemäß als Nummer drei hinter einer DC-9 der Aero Mexiko und einer Bonanza auf dem Internationalen Flugplatz in Loreto. Bis wir auftanken können – ausnahmsweise gibt es wieder einmal Avgas –, stehen wir in der prallen Sonne und schwitzen vor uns hin. Je südlicher wir kommen, desto höher ist die Luftfeuchtigkeit. Hier kann ich endlich den Flugplan schließen, den ich in San Felipe aufgegeben habe. Unüblich: Lande-, Park- und sonstige Gebühren sind fällig. Trotzdem sitzen wir schon eine halbe Stunde später in einem Taxi und fahren zum „Oasis de Loreto“, mit Vorfreude auf eine Dusche.

Searey in Mexiko: Erst nach drei Tiefflügen über die Piste ist diese geräumt

Wie abgemacht steht der Taxifahrer morgens um sieben Uhr vor dem Hotel und bringt uns zurück zum Flugplatz. Die Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit der Mexikaner ist uns während der ganzen Reise aufgefallen. Der heutige Abschnitt soll uns an einem spektakulären Küstenabschnitt entlangführen. Das Tiefblau des Meeres wird rund um die Felsvorsprünge und kleinen Inseln herum zum sanften Türkis. Leider ist der Himmel nicht mehr so strahlend blau wie gewohnt, und weiter wollen wir uns dem Hurrikan nicht nähern. Agua Verde ist der südlichste Punkt unserer Reise. Von jetzt an zeigt die Kompassnadel in nördliche Richtung. Ich bin in Hochform, fliege über Seelöwen, die sich auf kleinen Felseninseln sonnen. Die schwachen Winde ermöglichen uns noch einmal einen Flug in 30 bis 100 Fuß über der Sea of Cortez. Wir fliegen jede Bucht entlang, zwischendurch reizt ein Abstecher ins Landesinnere. Meine Begeisterung, in Steilkurven um die Saguarokakteen herum zu stechen, wird allerdings von meiner Copilotin nicht geteilt.

Es ist Sonntag, am Zoll in San Felipe ist nicht viel los, für die Personenkontrolle fühlt sich heute niemand zuständig. Aber auch hier: „No problem“, die Devise in Mexiko. Nach zwei Wochen, 30 Flugstunden und 1800 Nautischen Meilen landen wir in Calexico, USA. Doch unsere Reise ist noch nicht zu Ende. Die Route nach Arizona steht schon lange fest. Diese Gegend haben wir bereits auf dem Landweg bereist. Uns war stets klar: Eines Tages wollen wir das Land der Canyons auch aus der Vogelperspektive genießen. Da die USA immer noch eine freie, unbürokratische Möglichkeit bieten, dem Flugsport zu frönen, fliegen wir jedes Jahr ein paar Wochen nach Lust und Laune durch dieses Land. Landschaftlich finden wir alles, was wir uns nur wünschen können: Palmenstrände, Berge, Wälder, Gletscher, Canyons, Wüsten und Seen. Page wird im „Lake Powell Visitors Guide“ als Ausgangspunkt für Rundtouren empfohlen. Wir haben uns dies zu Herzen genommen; von dieser Stadt aus sollen unsere Flüge ins Land der Canyons beginnen.

Die Wüste Arizonas ist für das Amphibium eine Durststrecke

Für das Amphibium bedeutet dies allerdings die Überwindung einer Durststrecke. Viel Wüstengebiet liegt auf unserem Weg. Die 600 Meilen vom Flugplatz Imperial über Marana und Sedona bis nach Page fliegen wir in drei Etappen. Der Anflug auf Page ist malerisch: Mit Blick auf den Lake Powell, eingerahmt von roten Sandsteinfelsen, lockt dieser Ort mit einer perfekten Piste. Je nach Wasserstand ist der See bis zu 299 Kilometer lang, über 90 Seitencanyons kann man entdecken. Ob da ein Wasserflugzeug auch landen darf? Zuständig für die Klärung dieser Frage ist die Verwaltung der Glen Canyon National Recreation Area. Anruf im Headquarter. „Selbstverständlich, Wasserflugzeuge dürfen überall landen, solange sie den Booten nicht in die Quere kommen“, lautet die offizielle Auskunft. Später merke ich, dass die von Schiffen und Jetski verursachten Wellen ein Problem sind. Zum guten Glück ist im Oktober nicht Hochsaison.

Erstmal brauchen wir eine Stärkung. Knapp an den Vermillon Cliffs entlang fliegen wir zum Marble Canyon, ein Katzensprung von Page aus. Um zu landen, darf man sogar eine kurze Strecke durch das Beschränkungsgebiet um den Grand Canyon fliegen und einen flüchtigen Blick in die Schluchten werfen. Die Piste von Marble Canyon hat durch die vielen Risse im Asphalt ein interessantes Muster und ist am Anfang verwachsen. Ihre Breite von lediglich 35 Fuß erfordert doppelte Aufmerksamkeit bei der Landung. Dafür sind wir mit ein paar Schritten vom Flugzeug in der Marble Canyon Lodge. Rund um Page liegt das Gebiet der Navajo-Indianer, in der Canyon Lodge kümmern sie sich um die Gäste. Wir bestellen ein Frühstück. In Page sind auch Cessnas für Touristen-Rundflüge stationiert. Deren Piloten sehen sich unser Flugzeug an: „It looks like fun!“ „It is fun!“ Ja, wir haben gut Lachen. Die Burschen können sich den Lake Powell nur aus der Vogelperspektive ansehen. Oft kommt auf der „Lake frequency“ der Funkspruch: „Hey, wollen wir nicht die Flugzeuge tauschen?“

Knapp an den Vermillon Cliffs entlang fliegen wir zum Marble Canyon, ein Katzensprung von Page aus

Das Landen in den engen Canyons – immer mit Blick darauf, dass ich im Notfall noch genug Platz zum Durchstarten habe – ist anspruchsvoll. Wir sinken nahe an den Felsen vorbei, das tiefblaue Wasser lockt. Der Wind wechselt rasch die Richtungen, oft rollen Wellen an, auch wenn ich weit und breit kein Boot sehe. Volle Konzentration ist angesagt. Endlich „splash down“ und Motor abstellen. Jetzt hoffe ich nur noch, dass meine Berechnung stimmt und wir noch weit genug Richtung rettendes Land treiben, bevor meine Frau ins Wasser hüpft. Wassertiefen zu schätzen gehört nunmal nicht zu ihren Stärken … Als die Searey vor Anker liegt, wandern wir durch die Canyons und genießen ein Picknick. Wir finden sogar die berühmte Rainbowbridge.

Bevor wir den Canyon de Chelly besuchen, landen wir in Chinle auf einer neuen Asphaltbahn, um uns die Beine zu vertreten. Ein Hund bettelt um unser Sandwich, sonst ist der kleine Flugplatz verwaist. Der Weiterflug über den Canyon de Chelly beschert uns einen Einblick in ein liebliches, grünes Tal. Natürlich gehört auch Canyonlands sowie später der Bryce Canyon in Utah zu unserem Programm. Im Steigflug navigieren wir der Cottonwoodroad im Kane County entlang. Der Flugplatz des Bryce Canyon liegt auf über 7500 Fuß. Nadelbäume ersetzen die Wüste, dann präsentieren sich die hellrosa Felsen als Märchenlandschaft. Auf unserem Rückflug schlagen wir eine Richtung über Stairecase und Escalante ein. Die Felsen haben zur Abwechslung mal Grau- und Gelbtöne.

Wir entdecken das Monument Valley

Hollywood entdeckte das Monument Valley schon um 1930, wir erst heute. Noch immer geht dieselbe Faszination von den roten Spitzen und Türmen aus, die weit in den Himmel ragen. Flugbeschränkungen herrschen keine, das Pilotenherz schlägt höher. Es wird fast zu einem Ritual: Die Wasserlandungen gehören zum täglichen Programm. Die Freude am Wasserfliegen kann ich hier – ausgerechnet mitten in der Wüste – richtig ausleben. Ein absolutes Highlight! Langsam färben sich die Blätter an den Bäumen gelb, Ende Oktober sind hier auf 4000 Fuß besonders die Nächte kühl. Paula kriegt bei Wasserlandungen immer öfter kalte Füsse – ein deutliches Zeichen dafür, dass unsere Flugsaison zu Ende geht.

Text und Fotos: Peter und Paula Schoenenberger

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