Reisen

Mit dem Flugboot zur Masurischen Seenplatte

Auf dem Wasser landen, wo der Urlaubsdampfer von Freunden liegt – das war die Abmachung. Wird es gelingen? Die große Wasserflugfreiheit in Polen ist eine gute Voraussetzung, als eine deutsche SeaRey-Crew in den Nordosten des Landes aufbricht.

Von Redaktion
Freizeitziel
Freizeitziel: Nördlich von Giżycko tummeln sich Wassersportler auf einem idyllischen See. Mit dem Amphibium gehört man dazu. Foto: Heike Schweigert

„Wir planen eine kombinierte Fahrrad- und Bootstour durch die Masurische Seenplatte, mit einer Reisegruppe“, erzählten Dagmar und Hans, als wir uns in Hamburg trafen, „nächsten Sommer“, ergänzten die Freunde. Meine Idee dazu war noch nicht zu Ende gedacht, da sprudelte es schon aus mir heraus: „Sagt mir, wann Ihr dort seid, dann komme ich mit dem Flugboot unseres Vereins und docke bei Euch an.“

Was es bedeuten würde, dieses Versprechen einzulösen, war mir da noch nicht klar. Fest stand nur, dass ich für den Trip die SeaRey des Deutschen Wasserflieger-Verbands (DWV) chartern wollte. Nachdem ich Stephan Schröder, Fluglehrer im DWV, für die Idee begeistern konnte, reservierten wir den Zweisitzer für die Woche, in der meine Freunde ihre Tour durch die Seenlandschaft im Nordosten Polens unternehmen würden. Damals hatte Stephan 33 Stunden Flugerfahrung auf der SeaRey, ich noch keine zehn. Polen war auch neu für uns.

Urlaub Masurische Seenplatte: Für die Reise charterten wir die SeaRey des DWV

Bei der Vorbereitung half die nationale AIP. Über den DWV nahmen wir Kontakt mit Aleksander Mathia auf, einem UL-Piloten, der am Bodensee lebt und aus der Gegend von Olsztyn in der Woiwodschaft Ermland-Masuren stammt. Seine Informationen gaben uns schon vor der Reise das Gefühl, am Ziel gut aufgehoben zu sein.

Es musste aber noch ein Problem gelöst werden: Wohin mit dem Gepäck für eine Woche? Mit den erforderlichen Dingen wie Paddel, Schwimmwesten, Fotoausrüstung und fliegerischen Utensilien bleibt in der SeaRey maximal Platz für eine Handtasche im Ablagefach hinter den Sitzen. Elvira! Meine Fliegerfreundin ist seit Jahren begeistert von Polen – sie konnte die Woche frei machen und übernahm mit einer Reims Rocket und Mitfliegerin Bärbel die Rolle des Lastesels.

Gepäckproblem: Fliegerfreundin Elvira übernimmt die Rolle des Lastesels

Treffpunkt war Welzow, nördlich von Dresden, wo die SeaRey stationiert ist – unweit des Landflugplatzes gibt es den Wasserflugplatz Sedlitzer See. Die Wettervorhersage verhieß im Osten nichts Gutes, doch die erste Etappe nach Żerniki bei Poznań sollte noch fliegbar sein.

Da kann’s ruhig blasen: gekreuzte Bahnen in Żerniki. Hier im Südosten von Poznań landen die Reisenden am ersten Abend. Foto: Heike Schweigert

Mit ausgebreiteten Karten diskutierten wir die Route, notierten die Frequenzen, checkten die NOTAMs und gaben unsere Flugpläne auf. Eigentlich ist ein Flugplan für Polen nicht erforderlich, sofern man VFR aus Deutschland einfliegt und sich außerhalb von kontrollierten Lufträumen bewegt. Allerdings liegt Żerniki, unser erstes Ziel, in der Kontrollzone von Krzesiny, einem Militärplatz südöstlich von Poznań. Ob militärische Sperrgebiete (TSA – Temporary Segregated Area; TRA – Temporary Reserved Area) auf unseren Strecken aktiv sind, erfragten wir telefonisch bei AIS Polen. Das war nicht der Fall. Es konnte losgehen!

Treffpunkt Welzow: Es kann losgehen

An der Grenze zu Polen gibt es Pflichtmeldepunkte, doch das Melden klappte nur, solange wir noch auf der deutschen Seite waren – Poznań Information hörte uns erst nach einer halben Stunde im polnischen Luftraum. Derweil flogen wir entspannt über die flache Landschaft, die überall Notlandeflächen bietet. Durch die anhaltende Trockenheit waren die Felder gelblich oder allenfalls mattgrün. Beim Überflug der ersten kleinen Seen fragten wir uns, ob es wirklich stimmt, was man uns gesagt hatte: dass wir hier überall mit dem Flugboot landen dürfen. Das wollten wir genauer in Erfahrung bringen.

Freie Sicht: Auf der ersten Etappe erstreckt sich in Polen eine offene Landschaft vor der SeaRey. Foto: Heike Schweigert

Im Anflug auf Żerniki verstanden wir die Lotsen zwar erst kurz vor dem Pflichtmeldepunkt, aber sie waren überaus freundlich und sprachen gutes Englisch. Nach der Landung auf dem kleinen Privatplatz schlossen sie den Flugplan für uns. Die Rocket war eine halbe Stunde vor uns angekommen, und so wurden wir vom Flugplatzbesitzer Robert Biernat und seiner Truppe schon erwartet. Schnell war die SeaRey in die Halle geräumt, wo sie über Nacht neben Roberts Beaver und anderen Maschinen stehen durfte.

Gastfreundlich: In Żerniki wurden wir bereits erwartet

Bei der herzlichen Begrüßung mit Kaffee und einer Verständigung zwischen Deutsch, Englisch, Händen und Füßen fühlten wir uns sofort wohl. Wir bezogen unsere Zimmer, die sich wie die Dakota Bar direkt am Flugplatz unterhalb einer ausrangierten, auf einem Hügel installierten C-47 befinden. Die Kühe, die auf dem Gelände frei herumlaufen, ließen sich durch uns nicht stören – sie waren Besucher offensichtlich gewöhnt.

Dakota Bar: Am Flugplatz Zerniki thront über der Bar und den Gästezimmern eine ausrangierte Douglas C-47. Foto: Heike Schweigert

Da anderntags das Wetter weiter östlich nicht VFR-tauglich war, beschlossen wir nach dem Frühstück, den Tag in Poznań zu verbringen und erst am Dienstag weiterzufliegen. So konnte Stephan mit Robert in dessen Husky einen Ausflug zu zwei Seen in der Gegend unternehmen und diverse Splash and Gos üben.

Nicht VFR-tauglich: Wir verbringen einen Tag in Poznań

Robert betreibt eine Flugschule, unter anderem auch für die Ausbildung zum Wasserflugpiloten. Er verfügt über eine Cessna 172 mit 180 PS und außer der Beaver noch über eine Husky, alle auf amphibischen Floats. Bei ihm kann man auch ein Wasserflugzeug mieten, sofern eine entsprechende Kaskoversicherung abgeschlossen wird. Seine Kunden kommen aus Österreich, Schweden, Spanien, England und Frankreich, ein paar auch aus Polen. Anfang August unternimmt Robert alljährlich mit seiner Flugschule einen Ausflug nach Masuren, denn dann findet in Giżycko eine Airshow mit Land- und Wasserflugzeugen statt.

Einweisung: Robert Biernat vom Flugplatz Żerniki erklärt SeaRey-Pilot Stephan Schröder seine Husky. Foto: Heike Schweigert

Von Robert erfuhren wir auch, dass es tatsächlich generell erlaubt ist, überall mit einem Wasserflugzeug zu landen, außer auf privaten Gewässern. Polen ist offenbar das einzige Land, in dem Flugzeuge im rechtlichen Sinn Flugzeuge bleiben und nicht zu Booten mutieren, wenn sie auf dem Wasser sind. Folglich gibt es auch keine Vorschriften für Wasserflugzeuge auf dem Wasser. Um Ärger mit Anwohnern und Naturschützern zu vermeiden, empfahl uns Robert aber, Naturschutzgebiete zu meiden oder zumindest im April und Mai auf die Brutstätten der Vögel zu achten. So hält er es auch bei der Ausbildung; da bleibt er nie länger an einem Platz.

Wasserflugzeug-Paradies: In Polen sind Wasserflugzeuge keine Boote

Wir besorgten uns eine Freizeitkarte der masurischen Seenplatte, aus der hervorgeht, welche Seen „silent zones“ sind. Dort dürfen keine Motorboote betrieben werden, also sahen wir davon ab, auf diesen Seen mit dem Flugzeug zu starten und zu landen.

Große Freiheit: Insellandschaft im südwestlichen Masuren. Auf dem Wasser unterliegen Seaplanes in Polen keinen speziellen Regeln. Foto: Heike Schweigert

Doch bevor es fliegerisch weiterging, erkundeten wir die hübsche Altstadt von Poznań. Kopfsteinpflaster, renovierte Altbauten, Restaurants und Cafés mit Sitzplätzen im Freien – in der Fußgängerzone tauchten wir in eine entspannte Atmosphäre ein. Wir waren im Urlaub angekommen! Überall gab es heimische Spezialitäten, so auch Żurek, eine leicht säuerliche Mehlsuppe, die im Brot serviert wird, und wohlschmeckendes, vor Ort gebrautes Bier.

Kein Wasserruder: Beim manövrieren dreht sich die SeaRey in den Wind

Am nächsten Tag ließen Stephan und ich es uns nicht nehmen, auf dem Flug nach Olsztyn auf dem Jezioro Lednica zwischenzulanden, einem See nordöstlich von Poznań. An seinem Ufer hatten Stephan und Robert am Vortag zum Mittagessen angelegt. Doch jetzt kam der Wind aus Westen, sodass die zur Verfügung stehende Start- und Landestrecke eher kurz war – der See hat eine große Nord-Süd-Ausdehnung, ist aber nicht sonderlich breit. Für Start und Landung war der mäßig starke Wind hilfreich, doch beim Manövrieren auf dem Wasser taten wir uns zunächst schwer. Das kleine Flugboot hat kein Wasserruder, daher tendiert es dazu, in den Wind zu drehen.

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Praxistipp: IFR-Karten auf Papier oder digital?

Den nächsten Zwischenstopp machten wir gemeinsam mit der Rocket: auf dem Landflugplatz Toruń. Dort schaffte es Elvira trotz Verständigungsschwierigkeiten, aus einem stationären Tankwagen Avgas für ihre Maschine zu bekommen und per Kreditkarte zu bezahlen. Mit Mogas hat man’s in Polen einfacher, sofern keine großen Mengen gebraucht werden – wir holten uns den Sprit auf der ganzen Reise in Kanistern von Tankstellen. Es war immer jemand da, der uns leere Kanister auslieh, denn auch dafür hatten wir in der SeaRey keinen Platz.

Toruń: Ungewöhnlich viel Verkehr

Im Flugplatzrestaurant von Toruń gab es leckere Kleinigkeiten zu essen, während wir die Segel- und Motorflieger bei ihren Starts und Landungen beobachten konnten. Da war richtig was los im Gegensatz zu den anderen Plätzen, die wir auf der Reise besuchten.

Vor der Landung in Olsztyn, erneut auf festem Untergrund, überflogen wir den Wulpińskiesee. Am Ufer machten wir das Haus von Aleksander aus, dem in Süddeutschland lebenden Piloten, der uns bei der Reisevorbereitung geholfen hatte und gerade in seiner Heimat war. Wir wurden bereits erwartet, fuhren zu ihm und legten an. Mit Aleksanders Hilfe kamen wir in der Nähe des Sees in einem wunderbaren und kostengünstigen Hotel unter.

Noch zwei Tage: Nach Piaski sind es 25 Meilen

Jetzt hatten wir noch zwei Tage, um unser Versprechen einzulösen: der Besuch bei Dagmar und Hans. Deren Reiseplan sah vor, dass sie am folgenden Tag in Nikolaiken übernachteten und an ihrem letzten Abend in der Bucht von Piaski sein würden. Also starteten wir anderntags Richtung Kętrzyn, dem nächstgelegenen Landflugplatz, wenn man zu den Masurischen Seen will. Hier betreiben Flugplatzbesitzer Stanisław Tołwiński und seine Frau die Residenz Majątek Wajsznory, ein traumhaftes Anwesen mit Übernachtungsmöglichkeiten für Piloten. Nikolaiken liegt nur knapp 20 Nautische Meilen entfernt, nach Piaski sind es etwa 25 Meilen.

Aus einer anderen Zeit: Flugplatzbesitzer Stanisław Tołwiński mit einem Foto der Do-X auf dem Löwentinsee bei Lötzen (Giżycko). Foto: Heike Schweigert

Von Kętrzyn aus erkundeten Stephan und ich die Seenplatte. So schön hatte ich es mir nicht vorgestellt: tiefblaues Wasser, darauf Jollen mit weißen Segeln, kleine Inseln und Buchten mit Yachthäfen – einfach herrlich! Wir übten Splash and Gos, Wasserlandungen und -starts und näherten uns dabei Nikolaiken, vorbei an Gizycko, wo die erwähnte Airshow alljährlich stattfindet.

Schwieriger Anflug: In der Bucht sind viele Boote unterwegs

Nikolaiken kommt in Sicht. Mit Hans bin ich per WhatsApp in Kontakt. Sie erwarten uns auf dem grün-weißen Boot, das im Hafen liegt. Schnell haben wir es erspäht, dann kreisen wir darüber. Dagmar, Hans und ihre Mitreisenden winken uns zu. Wir loten die Situation aus: Kein Strand in der Nähe, der Hafen voll mit Booten – wo können wir andocken? An einem Steg ist noch etwas freier Platz, aber die Gefahr, einen Flügel zu beschädigen, wäre dort zu groß. Schließlich entscheiden wir uns gegen eine Landung und fliegen zurück.

„Ah, die Japanertour“ deutschsprachiger Touristenführer bei Gierłoż. Die Ruinen des Führerhauptquartiers Wolfsschanze gehören zu den touristischen Attraktionen der Region. Foto: Heike Schweigert

Am nächsten Tag besteht die letzte Gelegenheit, den versprochenen Besuch wahrzumachen. Bei einer kleinen Runde mit dem Flugboot, die Stephan und Elvira von Ketrzyn aus drehen, zeigt sich, dass der Wind zu stark ist, um bei Piaski auf dem Wasser zu landen – die Wellen haben eine grenzwertige Höhe erreicht. Also entscheiden wir uns für eine Besichtigung der Wolfsschanze; die geschichtsträchtigen Ruinen sind nur zehn Kilometer vom Flugplatz entfernt. Da wir später an diesem Tag noch einiges vorhaben, engagieren wir einen deutschsprachigen Touristenführer. Wir sagen ihm gleich, dass wir jetzt erst mal höchstens zwei Stunden Zeit haben, woraus er schließt: „Ah, die Japanertour“.

Klappt es diesmal? Landung bei Piaski

Um 16.40 Uhr UTC starten Stephan und ich Richtung Piaski. Die tiefstehende Sonne wirft lange Schatten und taucht die Landschaft in weiches Licht. Der Wind hat sich gelegt, die Wellen sind nicht mehr sehr hoch. Trotzdem ist die Stimmung im Cockpit angespannt. Wird es dieses Mal klappen? Es sind immer noch viele Boote unterwegs. Wir nähern uns der Bucht und sehen das grün-weiße Schiff. Zwischen Bug und Schilf könnte die SeaRey durchpassen. Zwei tiefe Anflüge zum Checken der Landefläche, die sich windbedingt leider vom Boot weg erstreckt. Der dritte Anflug … runter aufs Wasser!

Klappt es diesmal? Anflug auf die Bucht von Piaski, wo das Touristenschiff liegt. Zwischen Bug und Schilf muss die SeaRey durchpassen. Foto: Heike Schweigert

Neugierige in Motorbooten fahren auf uns zu. Ich gestikuliere: Achtung, kommt nicht zu nah! Doch das sehen sie nicht, und wie sollten sie auch wissen, dass wir nicht so manövrierfähig sind wie sie. Stephan übernimmt, geht auf Stufe und fährt zügig auf unsere ausgewählte Stelle zum Anstranden zu. Kurz davor stellt er den Motor ab. Mit dem Paddel halten wir die Tragfläche vom großen Touristenboot fern, der Wind tut sein Übriges, wir treiben rückwärts zum Ufer. Geschafft!

Versprechen eingelöst: Wir sind die Attraktion des Abschlussabends

Die Freude übers gelungene Andocken verbunden mit dem Wiedersehen meiner Freunde ist riesig. Wir sind die Attraktion des Abschlussabends von Dagmars und Hans’ Reisegruppe. Doch das Vergnügen kann leider nicht lange währen – es ist spät, und nach einer halben Stunde müssen wir uns schon auf den Rückweg machen.

Versprechen eingelöst: Autorin Heike Schweigert (Mitte) mit ihren Freunden Dagmar und Hans am Ufer bei Piaski. Foto: Heike Schweigert

Bei Sonnenuntergang landen wir glücklich in Olztyn, von wo wir in den folgenden zwei Tagen über Żerniki zurück nach Welzow fliegen. Was für ein Trip! Das unkomplizierte Fliegen und die schönen Erlebnisse mit den hilfsbereiten Menschen in Polen behalten wir in guter Erinnerung. Aber ohne ein weiteres Versprechen trennen sich unsere Wege nicht: 2019 fliegen wir Anfang August zur Mazury AirShow und übernachten in der Residenz von Stanislaw Tołwiński

Text & Fotos: Heike Schweigert, erstmals erschienen in fliegermagazin 08/2019

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